Zu viel Biss?
Auch Kleinkinder knirschen mit den Zähnen - anfangs ist das sogar sinnvoll
Eltern schauen besorgt ins Kinderbett, wenn von dort das deutliche Geräusch aufeinander reibender Zähne erklingt. Sorgen müssen sie sich in der Regel aber nicht, denn das Zähnereiben tritt bei fast allen Kindern periodisch mal auf, bei einigen auch anhaltend. "Sie lernen ihre Zähne kennen und probieren sie aus - ein normales Entwicklungsphänomen in den ersten drei Lebensjahren", erklärt Professor Dr. med. dent. Christian Hirsch, Leiter der Abteilung für Kinderzahnheilkunde und Primärprophylaxe am Universitätsklinikum Leipzig, im Apothekenmagazin "BABY und Familie". Bis zu 30 Prozent der Kinder setzen das Zähneknirschen auch nach dem dritten Lebensjahr noch fort. Wie bei Erwachsenen kann es Ausdruck von Stress sein, den das Kind zu bewältigen hat. Eltern sollten es als Hinweis nehmen, dass ihr Kleines besondere Zuwendung benötigt. Kommt es häufig tagsüber vor, handeln die Kinder meist unbewusst, etwa wenn sie sich konzentrieren. Dann sollten Eltern sie darauf hinweisen. Manchmal kann aber auch eine Kunststoffschiene nötig werden, um die Zähne zu schützen. Wenn Eltern beobachten, dass das Knirschen zunimmt, die Zähne schmerzen oder empfindlich sind, sollten sie mit dem Kind zum Zahnarzt gehen. Er entscheidet dann, ob ein solcher Schutz angebracht ist.
Das Apothekenmagazin "BABY und Familie" 3/2010 liegt in den meisten Apotheken aus und wird ohne Zuzahlung zur Gesundheitsberatung an Kunden abgegeben.
Rückenschmerzen wegen falschem Biss?
GZFA setzt auf interdisziplinäres Netzwerk
Wer unter Rückenschmerzen leidet, sollte sich unter die Lupe nehmen: Ist morgens der Nacken steif, schmerzen Zähne und Kiefer vom nächtlichen Zähnepressen und -knirschen? Oder wirken gar Füllungen oder Kronen zerbissen? Dann lohnt sich der Gang zu einem Zahnarzt, der sich auf Kiefergelenkprobleme spezialisiert hat. Er kann mit einer Funktionstherapie helfen, die Körperstatik wieder ins Lot zu bringen.
Millionen Bundesbürger leiden unter Rückenschmerzen, jährlich werden deswegen knapp 49 Milliarden Euro aufgewendet. Viele Erklärungen verweisen allgemein auf Stress oder Bewegungsmangel. Doch die Ursachen sollten unbedingt geklärt sein: Ist beispielsweise das Kiefergelenk erkrankt, kann das zahlreiche Schmerzsymptome wie Migräne, Tinnitus oder eben Rückenschmerzen nach sich ziehen. Die Fachwelt fasst diese Beschwerden unter Cranio Mandibuläre Dysfunktion (CMD) zusammen und rät zu einer Funktionstherapie.
Biss und Balance
Die Muskeln des Kauapparats weisen die höchste Rezeptorendichte auf und sind über den Trigeminusnerv mit der Halswirbelsäule verbunden. In ihnen wirkt pro Quadratmillimeter die größte Kraft im Körper. Der Trigeminusnerv wiederum ist der größte Hirnnerv und weist als einziger Querverbindungen zu allen anderen Hirnnerven auf. Verursachen also Zahnlücken, nicht perfekte Füllungen oder Brücken Fehlkontakte im Biss und als Folge eine Fehlbelastung des Kiefergelenks, kann die Störung weiter wirken. Ebenso können "Knirscher" die Stellung ihrer Kiefergelenke verschieben und so Rückenschmerzen auslösen. Der Prozess wirkt auch in umgekehrter Richtung: Haltungsschäden wie Beckenschiefstand oder Fußmuskelschwächen können die Halswirbelsäule und infolgedessen den Kauapparat beeinflussen. Die symmetrische Balance ist beeinträchtigt.
Bei CMD fachübergreifende Therapie
CMD erfordert eine interdisziplinäre und effektiv gesteuerte Therapie. Glücklicherweise befassen sich immer mehr Zahnärzte mit dem komplexen Thema. So baut beispielsweise die Gesellschaft für Zahngesundheit, Funktion und Ästhetik (GZFA) ein bundesweites interdisziplinäres Netzwerk auf. Ihre Funktionstherapeuten verwenden eine besondere Aufbissschiene, die mit ihrem zweiphasigen Design Kiefergelenke wieder in ihre ursprüngliche zentrische Position zurückführt.
Auch unter Orthopäden wächst die Aufbruchsstimmung zum Thema. Sie können anhand einer Elektromyographie - nach dem griechischen myos für Muskel - die Muskelaktivitäten des Patienten aufzeichnen und auswerten. Eine Wirbelsäulenvermessung im Anschluss hilft, das Haltungsmuster exakt zu ermitteln und sich mit dem behandelnden Zahnarzt abzustimmen.
Zahnärzte raten Patienten bei Zahn-Zusatzversicherungen zu kritischer Prüfung
Patienten sollten nicht auf Tricks reinfallen
Nach einer Umfrage unter Hamburger Zahnärzten aus dem Februar 2010 halten 83 Prozent der befragten Zahnärzte Zahn-Zusatzversicherungen für eine sinnvolle Sache für die meisten Patienten.
Etwa jeder zweite Zahnarzt, der diese Versicherung für sinnvoll erachtet, ermutigt seine Patienten sogar zum Abschluss einer derartigen Police. Allerdings haben offenbar viele Zahnärzte bereits schlechte Erfahrungen gesammelt, denn jeder Sechste ist der Meinung, dass diese Zusatzversicherungen am Ende nicht das bringen, was von den Versicherungsvertretern einmal versprochen wurde.
So sind beispielweise alle Zähne, die bei Vertragsabschluss schon fehlen, nicht versichert. Manche Versicherungen verzichten auf die Eingangsuntersuchung. Dafür verlangen sie eine Auskunft vom Zahnarzt, sobald eine Rechnung eingereicht wird. Ergebnis ist in jedem Fall: Der Patient sieht kein Geld und ist erbost über seinen Zahnarzt, der dazu nichts kann.
Ein weiteres Beispiel ist die Zusatzversicherung, die mit fettgedruckten
"100 %" wirbt. Aber: Die Versicherung stockt lediglich die Festzuschüsse für Zahnersatz auf 100 Prozent auf. Auch hier ist nur die "zuzahlungsfreie" Kassenleistung versichert. Jeglicher zahnmedizinische Fortschritt wie auch mehr Ästhetik und mehr Komfort bleiben außen vor bzw. dem Eigenanteil vorbehalten. Die Hamburger Zahnärzte warnen daher ihre Patienten davor, auf solche Tricks hereinzufallen. Jeder Patient sollte insbesondere das Kleingedruckte lesen und sich nicht in ein Vertragsverhältnis locken lassen, solange er nicht auch Alternativen kennt.


